Was ein Schäfer, regionale Milch, ein 130 Jahre altes Haus und mein Auto mit 275.000km mit Minimalismus, Konsum und Klimawandel zu tun haben
Ich wollte eigentlich nicht hier leben. Nicht in diesem Dorf. Ich wollte nur da weg, wo ich vorher war. Und hier gab es ein Haus was preislich OK war und bezugsfertig leer stand.
Heute, 9 Jahre und eine Fernbeziehung später, habe ich mich bewusst dafür entschieden, dass genau dieses Dorf meine Heimat sein soll - schau dazu gerne mal mein Kurzvideo an
Inzwischen kenne ich die Wege und Wälder. Ich begegne beim Spaziergang immer wieder denselben Menschen. Ich sehe die Schafe auf den Wiesen und weiß, wo ich Milch direkt vom Bauern bekomme. Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem sich etwas verändert:
Wenn uns ein Ort nicht mehr egal ist, fangen wir an, genauer hinzusehen.
So war es auch bei meinem heutigen Spaziergang: ich habe den Schäfer getroffen.
Wir kamen wie immer ins Gespräch und er erzählte mir, dass die Wiesen in diesem Jahr viel zu trocken sind. Das Gras reicht nicht. Er muss zusätzlich Wasser beschaffen und zufüttern. Es wird schon irgendwie weiter gehen. In 7 Jahren will er in Rente gehen. Der Sohn wird nicht übernehmen. Verübeln kann er es ihm nicht. Zu oft wird auch er angefeindet: klar, die Schafe sind hier als Landschaftspfleger unterwegs - aber andererseits pupsen sie eben auch und sind deswegen klimaschädlich.
Gut und schlecht. Nutzen und Belastung. Schwarz und weiß? Eben nicht.
Vielleicht ist genau das ein Problem unserer Diskussion über Nachhaltigkeit: Wir möchten gerne klare Antworten. Dieses Produkt ist gut - dieses Produkt ist schlecht. Das darfst du essen - das darfst du nicht essen. Das Auto ist böse - das Fahrrad ist gut. Dabei ist das Leben meistens viel, viel komplexer.
Meine Milch kommt inzwischen vom Bauern nebenan. Er hat Milchkühe und seinen alten Stall mit Anbindehaltung abgeschafft. Stattdessen hat er auf einen Frischluftstall umgestellt. Ich hole nun meine Milch bei ihm. Nicht, weil ich glaube, dass damit plötzlich alles perfekt ist. Sondern weil es für mich eine Entscheidung ist, die ich vertreten kann. Die Milch kommt aus der Region. Die Transportwege sind kurz. Ich kenne den Hof. Ich sehe die Kühe täglich. Und ich weiß, wem ich mit meinem Einkauf mein Geld gebe. Natürlich gibt es vegane Alternativen. Aber ist ein Mandeldrink per se besser, wenn 80% der weltweiten Mandeln aus den USA kommen und dort stark bewässert werden müssen?
Ich entscheide für mich: Damit kann ich leben.
Ich bin Ordnungsexpertin und bezeichne mich als Minimalistin. Aber Minimalismus bedeutete für mich noch nie: „Besitze möglichst wenig.“ Es bedeutet: „Entscheide bewusst, was in dein Leben darf.“ Das gilt für Gegenstände, für Menschen, für Zeit, für Geld und damit auch für meinen Konsum.
Ich möchte nicht alles kaufen, nur weil ich es mir leisten kann. Ich möchte nicht ständig etwas Neues haben. Und wenn ich etwas neu kaufe, möchte ich mir zumindest die Frage stellen: Brauche ich das wirklich und wenn ja, gibt es eine Möglichkeit, es verantwortungsvoller zu kaufen? Das bedeutet nicht, dass ich immer die perfekte Antwort finde, ganz im Gegenteil.
Ich habe eine Gasheizung. Und fahre einen Verbrenner. Jetzt könntest du an dieser Stelle natürlich sagen: „Na toll. Nachhaltigkeit predigen und dann Gasheizung und Auto fahren.“ Ja, stimmt. Mein Auto hat inzwischen mehr als 275.000 Kilometer auf dem Tacho. Ich fahre es nicht, weil ich Autofahren so toll finde. Ich wohne auf dem Dorf. Die öffentlichen Verkehrsmittel fahren nicht so, dass ich damit meinen Alltag sinnvoll organisieren könnte. Und mein Auto ist inzwischen ein gutes Beispiel für etwas, das für mich zum Minimalismus dazugehört: Ich benutze etwas so lange, wie es für mich sinnvoll funktioniert. Ich kaufe nicht alle paar Jahre ein neues, nur weil ein neueres Modell auf dem Markt ist. Und ja, irgendwann wird auch dieses Auto ersetzt werden müssen. Aber solange es fährt, fahre ich es.
Und dann ist da noch mein 130 Jahre altes Haus. Auch beim Thema Heizung ist die Realität komplizierter als ein einfacher Ratgeber-Tipp. Die Bausubstanz macht es nicht gerade einfach, mit einer modernen Heizung mit niedriger Vorlauftemperatur alle Räume angenehm warm zu bekommen. Und gleichzeitig liegt mein Haus in einer Lage, bei der ich mir durchaus Gedanken über das nächste größere Hochwasser oder Starkregenereignis machen muss. Das ist für mich eine ziemlich absurde Gleichzeitigkeit: Mein Haus könnte von den Folgen des Klimawandels betroffen sein - und trotzdem heize ich mit Gas.
Aber was wäre die Alternative? Nach nur 6 Jahren die aktuelle Heizung verschrotten und ein neues Heizsystem installieren? Das Haus komplett abreißen und neu bauen? Oder den Hügel hinterm Haus wegsprengen, dass sich Solar und Photovoltaik rechnen? Theoretisch kann man vieles fordern. Praktisch muss man sich aber immer fragen: Was ist in meiner konkreten Situation machbar?
Finanziell, baulich, technisch. Und im Alltag. Und genau deshalb glaube ich nicht an Nachhaltigkeit als Wettbewerb. Ich möchte nicht perfekt sein. Ich möchte ehrlich sein. Ich könnte jetzt anfangen, meine gesamten Lebensentscheidungen aufzuzählen und zu erklären. Warum ich das Auto fahre, warum ich diese Heizung habe, warum ich Milch kaufe, warum ich bestimmte Dinge kaufe und andere Dinge nicht kaufe. Aber ich möchte mich gar nicht rechtfertigen. Denn darum geht es mir nicht. Ich möchte auch niemand anderem vorschreiben, wie er zu leben hat.
Ich möchte vielmehr dazu anregen, einmal genauer hinzuschauen: Was ist mir wichtig? Was kann ich verändern? Was kann ich mir leisten? Wo habe ich Einfluss? Und wo habe ich vielleicht gerade keinen? Jeder kann etwas tun, aber nicht jeder kann dasselbe tun. Das finde ich einen wichtigen Unterschied.
Der eine kann problemlos mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Die andere braucht ein Auto. Der eine kann seine Wohnung mit einer Wärmepumpe beheizen, die andere wohnt in einem alten Gebäude, bei dem eine Umrüstung kompliziert und teuer ist. Der eine kann komplett vegan leben, die andere entscheidet sich für regionale Lebensmittel aus bestimmten Quellen. Der eine kauft ausschließlich neu und möglichst nachhaltig produziert, die andere freut sich über die gebrauchten Kinderklamotten, die die Nachbarin weitergibt. Und ganz ehrlich: Ich nehme die Kinderklamotten sehr gerne. Das Kleidungsstück existiert bereits. Es wurde produziert. Es wurde bezahlt. Es wurde getragen. Und wenn es noch gut ist, darf es gerne noch ein zweites, drittes oder viertes Leben haben. Für mich ist das ziemlich viel mehr Minimalismus als der Kauf einer neuen „nachhaltigen“ Kollektion.
Und ja, natürlich falle ich auch auf Greenwashing herein. Erkennst du Greenwashing immer? Ich kann nicht jedes Siegel überprüfen, jede Lieferkette nachvollziehen und hinter jedes Produkt schauen. Und genau deshalb finde ich es auch gefährlich, wenn Nachhaltigkeit zu einer Art moralischem Perfektionsanspruch wird. Denn wenn ich das Gefühl bekomme: „Entweder ich mache alles richtig oder ich mache es falsch“, dann ist die Versuchung groß, irgendwann einfach gar nichts mehr zu verändern.
Ich möchte lieber sagen: Ich schaue hin. Ich informiere mich, soweit es mir möglich ist. Und dann treffe ich eine Entscheidung. Manchmal ist sie gut. Manchmal könnte ich es besser machen. Und manchmal weiß ich es schlicht nicht. Das ist okay. Weniger kaufen ist oft die einfachste Entscheidung.
Eine Sache kann ich allerdings ziemlich gut beeinflussen: Ob ich etwas überhaupt kaufe. Und das ist für mich der vielleicht wichtigste Zusammenhang zwischen Minimalismus, Finanzen und Nachhaltigkeit.
Denn wenn ich etwas nicht kaufe, braucht es nicht produziert zu werden. Ich muss dafür kein Geld ausgeben. Ich muss das Geld nicht erst verdienen. Ich brauche keinen Platz dafür. Ich muss es nicht pflegen. Ich muss es irgendwann nicht entsorgen. Und ich muss mir keine Gedanken darüber machen, ob die Herstellung nun wirklich nachhaltig war.
Ich möchte dir noch ein paar Fragen an die Hand geben. Die sollen dir helfen, deine Entscheidungen zu treffen. So dass du jeden Tag in den Spiegel blicken kannst. Niemand von uns ist perfekt, wird es auch nie sein und kann es auch nicht sein. Aber wenn mich meine Kinder in 20 Jahren fragen "warum?" möchte ich sagen können "ich habe so und so aus besten Wissen und Gewissen gehandelt" - und das wünsche ich mir auch für dich:
Wofür gebe ich mein Geld eigentlich aus? Was brauche ich wirklich? Was kaufe ich aus Gewohnheit? Was kaufe ich, weil Werbung mir suggeriert, dass ich es brauche? Will ich mein Geld wirklich dafür ausgeben? Ist mir das so wichtig? Wie ist es hergestellt? Wo kommt es her? Kann ich das alte doch noch reparieren oder woanders was Gebrauchtes kaufen?
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Ich bin Beate, Ordnungsexpertin, Minimalistin, möglichst nachhaltig. Dieser Blogpost entstand im Rahmen meines Newsletters, der jeden Montag um 6:15 Uhr gerne auch in dein Postfach zugestellt wird.
Jetzt, wo die Tage draußen kürzer und kühler werden, soll mein Haus mein Zuhause werden. Ich freue mich, wenn du mich dabei begleitest! Immer auf dem Laufenden bist du bei mir mit Instagram.

HALLO, ICH BIN DIE AUTORIN…
Beate von mehr Minimalismus.
Lange habe ich mich selbst privat mit dem Aussortieren und Schaffen von Ordnung beschäftigt, bevor ich 2024 endlich zertifizierte Ordnungsexpertin mit TÜV Rheinland geprüfter Qualifikation geworden bin und mich selbstständig gemacht habe.
Spezialisiert bin ich auf Ordnung in Dokumenten und Finanzen, aber viele meiner Kundinnen stehen noch ganz am Anfang - für sie ist dieser Blog und meine ebenfalls kostenlose Community
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